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POLVOROSA
am
Sonntag, 26. September 2010
hier in der Theatergalerie


Polvorosa ist Musik, dessen Klänge und Melodien aus einem Land kommen,
in dem die Grenzen verschwimmen und wo Gringos und Latinos zu einem
Mix aus Samba, Rock, Chacarea und Country miteinander feiern und tanzen.

Mit Daniel Puente, Kersten Ginsberg und Momo Hafsi in der Theatergalerie in Neckartailfingen

Daniel Puente (Chile/Barcelona)
ein charismatischer Musiker, dessen Geschichte so ungewöhnlich ist, wie sie eben nur das Leben schreibt.

Geboren in Santiago de Chile, gründet der Gitarrist, Songwriter und Sänger die Band "Pinochet Boys",
die vom damaligen Militärregime aus bald
das Land verlassen muss.

Auf der Suche nach neuen Impressionen geht es
weiter nach Madrid, London, Berlin und Hamburg.
Dort gründet er eine neue Band: "Ninos Con Bombas".
Sie touren durch die USA und Europa.
In Deutschland sind sie u.a. mit den "Einstürzenden Neubauten" als Support mit großem Erfolg unterwegs.

Heute lebt Daniel Puente in der Nähe von Barcelona
und produziert dort unter dem Namen
"Polverosa" Musik.
Seine Musik ist unter anderem in Fatih Akin's
Film "Gegen die Wand"
zu hören.

 

Sonntag, 26.September 2010

Einlass: 18:00 Uhr
Beginn: ab 19:30 Uhr

Karten: 07127 / 222 19

Eintritt: 15,00 €

 

Presse:
Friedrichshafen Kultur, Februar 2010

Salsa mit fliegenden Pflastersteinen
Der erste Gedanke: Polvorosa werden das
Theater Atrium niederbrennen. Zwar kenne ich die
Musik von Daniel Puentes neuer Band noch nicht,
aber dafür die seiner früheren Formation „Ninos Con Bombas“: Salsa, durchsetzt mit beinhartem Punkrock.
Bild: Ruppert

Puente selbst jedenfalls ist ein harter Knochen:
Der chilenische Sänger, Gitarrist und Songschreiber
hatte bereits 1984 in seiner Heimat Chile eine
rebellische Punkband aufgemacht – unter dem Namen
„Los Pinochet Boyz“, was zur Zeit des Pinochet-Regimes
schon eine mutige Nummer war. Puente hat sie denn
auch mit dem Exil bezahlt.

Im Atrium sieht alles dann ganz anders aus als erwartet. Daniel Puente steht an der Theke und verlangt keinen Schnaps, kein Bier und nicht einmal Schwarztee – „der macht mich vielleicht nervös“ – sondern eine Tasse Mate-Tee;„aber nur ganz kurz gezogen“. Wenn Bescheidenheit und Höflichkeit einen Namen tragen,
dann den von Daniel Puente.

Von Pappe ist die Musik von Polvorosa trotzdem nicht,
denn gemeinsam mit Kersten Ginsberg (Schlagzeug) und
Momo Hafsi (E-Bass) rollt Puente das Feld der Latin-Musik
von hinten auf: Nichts da mit geschmeidig-glitschiger Tanzmusik,
von der kein tieferer Eindruck hängen bleibt. Ruppiger
Indie-Rock ist die Basis des Polvorosa-Sounds, und der
ist ebenso roh wie artistisch. Kersten Ginsbergs hochgradig
komplexer Schlagzeugstil appelliert erst
an den Kopf und dann an die Beine, und Momo Hafsi ungeschliffener, dominanter Bass bildet die stilistische Schnittstelle zwischen Europa, Lateinamerika und Afrika.

Polvorosa, das ist Klang gewordener Widerspruch,
und das macht die Band so großartig. Wenn der
Rhythmus richtig groovt, legt Daniel Puente garantiert
seinen schnarrenden Sprechgesang drüber; und wenn
das Publikum zu Salsa tanzt, dann tanzt es zugleich
zu rohen Gitarrenriffs – da fliegen, metaphorisch
gesprochen, Pflastersteine aufs Parkett, und Polvorosa inszenieren beides zugleich.

Die Mischung zündet, das Volk tanzt. In konventionelle Tanzschulschritte bricht individueller Freistil ein, und die fertigen Bewegungsrezepte versagen endgültig, wenn Polvorosa Ska mit Polka zu einem zuckenden Bastard verschnüren, der nach Wladimir Kaminers Russendisco-Samplern schreit.

Polvorosa wirken weitaus weniger brachial als noch „Ninos Con Bombas“, sind aber nicht weniger intensiv. Wo Daniel Puente Spannungen und Energien früher wild explodieren ließ, verlagert er sie nun nach innen – eliminiert sind sie
damit keineswegs. Und Daniel Puente selbst? Er ist nach dem Konzert so ausgeglichen wie zu Beginn.
Ein Glas Wein verlangt er an der Theke –
„aber bitte nur ein halbes“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Momo Hafsi (Algerien/Frankreich)
ist einer der gefragtesten Bassisten
der Pariser Musikszene.
Er spielt unter anderem mit Mory Kanté,
Khezia Jones, Tony Allen, Archie Shepp,
Amadou & Myriam und Rokia Traoré, die
allesamt zu den bedeutensten Musikern der
aktuellen internatonalen
World/Globalista-Szene gehören.

Kersten Ginsberg hat die "deutsche" Schule
à la Can/Neubauten mit
internationalen Einflüssen aus vielerlei Ecken (Weltmusik, Hiphop, Punk)
zu einer hochmodernen, sehr flexiblen und dabei immer tight groovenden
eigenen Signatur verbunden.

Er spielte mit internationalen Größen wie
Scott Walker (Walker Brothers), Joachim Irmler (Faust), Alexander Hacke (Einstürzende
Neubauten), Bands wie Naked Lunch
und Martin Dean und trat als
trommelnder Schauspieler neben
Catherine Deneuve, Guilliaume Departieu
und Rammsteinsänger Till Lindemann in
Leos Carax Film "Pola X" auf. Auch
Wim Wenders schätze seinen musikalischen
Einfluss, der in dem Film
"Land of Plenty" zu hören ist.

Er ist nicht nur Schlagzeuger, auch Schlagwerker,
Sounddesigner und Geräuschemacher, der mit eigenen Klangerzeugern spielt
und experimentiert.

 

Presse:
Nürtinger Zeitung, Februar 2010:

Der sprichwörtliche Sinn der Latinos für Rhythmen
Auch beim zweiten Konzert innerhalb kurzer Zeit überzeugt Daniel Puente mit seiner Formation Polvorosa in der Theatergalerie

VON HEINZ BÖHLER

NECKARTAILFINGEN. „So sind wir Latinos nun mal“, heißblütig nämlich und liebebedürftig, auf jeden Fall aber unglaublich musikalisch. Zumindest trifft dies alles auf
Daniel Puente zu, der am vergangenen Samstag sein Bandprojekt Polvorosa in der Theatergalerie einem
kleinen, indes fachkundigen Publikum vorstellte. Mit dabei waren der Schlagzeuger Kersten Ginsberg und
Momo Hafsi am Bass.

Intendantin Nora Curcio freute sich, Polvorosa nach ihrem Auftritt beim letzten Weihnachtsfest erneut in der Theatergalerie begrüßen zu können. Dies umso mehr, als sich die Band mit Momo Hafsi einen versierten Bassisten
ins Boot geholt hatte, dessen Spiel sich trotz seiner erst dreitägigen Mitgliedschaft nahtlos in den Gesamtsound einfügte.

Ja, wie sind sie denn nun, die Latinos? Musikalisch, wie gesagt. Ihr Sinn für Rhythmen ist sprichwörtlich und, wie Bandleader Daniel Puente deutlich machte, ihr Feuer – „Fuego“ – hat nichts mit dem kläglichen Flämmchen eines handelsüblichen Feuerzeugs zu tun. Der in Barcelona lebende Puente ist gebürtiger Chilene, den die Schergen
des Diktators Pinochet aus seiner Heimat gejagt haben. Madrid, London, Berlin und Hamburg sind Stationen seiner musikalischen Karriere.

Während einer Tournee mit den Einstürzenden Neubauten traf er auf Kersten Ginsberg und das Projekt Polvorosa nahm allmählich Form an. Aus dem Punk Puente wurde ein Musiker, der mit einer elektrisch verstärkten Konzertgitarre in der Sprache seiner Heimat eine Musik macht, die weit mehr Bezug zu moderneren Jazz-Genres hat als mit einem Drei-Akkorde-Schema, wie es dem Punk einst zugrundelag. Der neu (aus Frankreich) hinzugekommene Momo Hafsi kommt eindeutig vom Jazz und machte sich mit Musikern wie Keziah Jones oder Mory Kante einen Namen. Am Samstag erfuhren die knapp 30 Zuhörer, warum solche Koryphäen live auf den gebürtigen Algerier zählen.

Drummer Kersten Ginsberg hat die „deutsche Schule“ à la Can/Neubauten mit internationalen Einflüssen aus vielerlei Ecken – Weltmusik, Hiphop, Punk – zu einer hochmodernen, sehr flexiblen und dabei immer tight groovenden eigenen Signatur verbunden. Auf der Bühne ist er ein Ausbund an Präzision und Lebendigkeit, der sich heftig darüber beklagt, der „Leisstärke“ seiner Mitspieler folgen zu müssen.

Ginsberg lieferte sich immer wieder reizende und nicht ganz ernst gemeinte Moderationsduelle mit seinem „Chef“, der sein Herz auf eine höchst drollige Weise auf der spanisch anstoßenden Zunge trägt. Doch im Mittelpunkt stand während der mehr als zwei Stunden Spielzeit immer die Musik. Und Musik ist, wenn sie in Lateinamerika entsteht, immer mit jeder Menge Rhythmus verbunden.

Selbst im Süden des Teilkontinents ist der Einfluss afrikanischer Metren nicht zu überhören. Tango und Samba – Santiago liegt auf gleicher Breite wie die Südspitze Brasiliens – gehören selbstverständlich ebenso zum Repertoire des Trios wie kompliziert ungerade Taktarten. Was Wunder, dass sich niemand traute, der mehrfachen Aufforderung Puentes, doch das Tanzbein oder ein -tuch dazu zu schwingen, zu folgen. Umso geneigter lauschten die Anwesenden der Musik der drei Meister ihrer Instrumente, die folglich nicht unter drei Zugaben wegkamen.

Selbst wenn die Dorftrommeln des schwäbischen Umlandes zur Schneckenpost degeneriert sein sollten, ist davon auszugehen, dass sich beim nächsten Konzert der „Polvorosen“ die Zuschauerzahl mindestens verdoppeln wird.